Grußwort von Christoph Michl zum CSD Stuttgart 2018

Bunt kann anstrengend sein

Auch knapp fünfzig Jahre nach den „Stonewall Riots“ sind wir noch lange nicht reif für den Ruhestand. Ganz klar, die LSBTTIQ-Bewegung hat in Deutschland und anderswo auf der Welt hat viel bewegt. Das beharrliche Ringen um Anerkennung und das Einfordern von gleichen Rechten hat unsere Lebenssituation gewaltig verbessert. Gerade im vergangenen Jahr hat sich enorm viel bewegt.

Und schon schallt es uns reflexartig entgegen: Sind wir jetzt nicht endlich angekommen? Einige haben einen weiteren Einsatz oder den CSD bereits für obsolet erklärt. Auch Vertreter_innen der Medien versuchen beharrlich, mit der Frage nach der Notwendigkeit einer Demonstration wie der CSD-Polit-Parade, uns zu markanten Statements zu verleiten. Dabei darf die Begeisterung über die Erfolge nicht den Blick auf die Wirklichkeit verstellen: Die Realität bleibt vielschichtig. Bunt kann anstrengend sein. Daher haben wir uns mit beim diesjährigen CSD-Motto nicht für die Kaffeefahrt auf dem Neckar, sondern für die „Expedition WIR“ entschieden.

So prachtvoll der Regenbogen nämlich aktuell zu manchem Aspekt auch leuchten mag – „die im Dunkeln sieht man nicht“, wusste schon Bertolt Brecht. Für nicht wenige Menschen, insbesondere abseits der Metropolen oder außerhalb hipper Berufe, sind die jüngsten Erfolge ausgesprochen ambivalent: Einerseits wird Vielfalt gefeiert, andererseits scheint doch der eigene Alltag noch viel zu oft in Unsichtbarkeit und Selbstverleugnung zu zwingen. Das gilt erst recht für die Minderheiten in den Minderheiten, den LSBTTIQ mit Behinderung oder mit anderen kulturellen Wurzeln, für Body-Shaming und Rassismus ebenso wie für die Kluft zwischen Jung und Alt oder Arm und Reich.

Unsere „Expedition WIR“ für das Kulturfestival zum Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart ist deshalb auch angelegt als eine Entdeckungsreise zu einem neuen WIR mit gesellschaftlicher Teilhabe aller. Ein Aufruf, gemeinsam die Gesellschaft zu bauen und zu stärken, in der eine inklusiv gedachte Vielfalt keine hohle Phrase, sondern die gelebte Realität ist.

Das jüngst errungene Mehr an Gleichberechtigung gibt uns zudem die Kraft, unsere Energie nach vorne zu richten. Wir haben die Chance und die Verpflichtung, gemeinsam etwas Neues zu schaffen und dabei strikt darauf zu achten, dass die Zahl derer, die noch nicht vom Mehr an Vielfalt oder Freiheit profitieren, Stück für Stück kleiner wird. Bringen wir uns also aktiv in die Gesellschaft in Bewegung ein. Zusammen mit allen engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern gestalten wir die Welt mit. In gemeinsamer Vielfalt. In gegenseitigem Respekt.

Überfällige Gesetzesänderungen wie im vergangenen Jahr bilden die Grundlage unseres Zusammenlebens. Für eine gelungene Teilhabe sind sie jedoch nur die halbe Wegstrecke. Für unser Ziel einer WIR-Gesellschaft kommt es darauf an, die Köpfe und die Herzen zu erreichen. Wertschätzung von Vielfalt und Akzeptanz sind der Kompass für unser Verhalten und unsere Entscheidungen. Davon dürfen wir uns in der Community selbst nicht ausnehmen. Denn Diskriminierung ist nicht immer die Untugend der anderen. Bunt sein schützt nicht vor Selbstgerechtigkeit. Aus unserer eigenen Diskriminierungserfahrung können wir jedoch Stärke beziehen. So können wir zum Sensorium für eine Gesellschaft werden, die mit ihrer Buntheit zu leben teilweise erst lernen muss.

Ach ja, und auf die immer wieder aufkommende Frage nach der Notwendigkeit eines CSDs können wir mit von Stolz geschwollener Brust antworten: Kommt die „Expedition WIR“ einmal wohlbehalten in der Utopie an, im Reich hinter dem Regenbogen, wo Einhörner friedlich äsen – also dort, wo uns einige innerhalb und außerhalb der Community bereits heute wähnen, dann wollen und werden wir dennoch einen CSD feiern: Als Kulturfestival der Vielfalt, als Parade, die die Kraft zelebriert, die wir alle gemeinsam aus einem wahrhaftigen WIR gewinnen. Gleichzeitig ist dies dann der unendliche Dank an die stets kämpfenden Generationen vor uns und als Erinnerung an all die Menschen, die das Glück von Freiheit und Vielfalt nicht mehr selbst erleben durften.

Bis dahin bleibt aber noch eine gute Wegstrecke vor uns; bleibt noch einiges zu tun.

Als ehrenamtliches Organisationsteam haben wir nach bestem Ermessen das Navigationsgerät für die 2018er Etappe des Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart programmiert. Nun sind wir gespannt, welche erhellende Entdeckungen das Kulturfestival der Regenbogen-Community vom 13. bis 29. Juli parat halten wird. Den ungezählten Helferinnen und Helfern, den fleißigen Reisebegleiterinnen und -begleitern dieser gemeinsamen „Expedition WIR“ gilt größtmöglicher Dank und Anerkennung für den engagierten Einsatz, die unbändige Kraft und den enormen Enthusiasmus, Vielfalt weiter zu denken, Buntheit aktiv zu gestalten und, wo nötig, beherzt zu verteidigen.

Herzlichste Grüße und „Happy Pride“

Ihr und euer

Christoph Michl
Geschäftsführer der IG CSD Stuttgart e.V.


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